Deutscher Diplom Dental Hygienikerinnen Verband e.V.

DDHV-Kongress 2016

Deutscher Diplom Dental Hygienikerinnen Verband e.V.

Regine Bahrs, RDH

Am 23. Januar 2016 fand wieder der jährliche DDHV-Kongress im modernen Zentrum für Zahn-, Mund- und Kiefergesundheit der Universität Würzburg statt. Er wurde von Beate Gatermann eröffnet. Sie wies auf Produktneuheiten hin, gab einen Ausblick und bedankte sich wie immer bei den großzügigen Ausstellern und Unterstützern mit ihren Innovationen: CP GABA GmbH, Dent-O-Care, Dentsply, DEPPELER SA, Dr.Liebe, EMS, Hu-Friedy, Intersanté, Institut für angewandte Immunologie, kreussler PHARMA, 3M Deutschland GmbH, Oral-B blend-a-med, Profimed, Sunstar, TePe und W&H.

Dr. René Sanderink ging mit dem Thema „Immunmikrobiologische Aspekte der klinischen Parodontologie“ sofort tief in medias res. Während die 1950 beginnende Forschung sich noch mittels Feldstudien mit Prävalenz und Inzidenz beschäftigte, gilt heute z.B. die unspezifische Plaquehypothese von Löe als überholt und die heikle These einer unvermeidbaren Parodontitis ist nicht mehr ganz von der Hand zu weisen. Mit der altersassoziierten Immunoseneszenz beschrieb er das allmähliche Nachlassen der Leistungsfähigkeit des Immunsystems mit Zunahme an chronischen Erkrankungen, unter anderem durch Thymusinvolution (ausbleibende Reifung der T-Lymphozyten) und gesteigerte Ausschüttung von pro-inflammatorischen Zytokinen. Eine vermehrte Freisetzung von Radikalen (oxidativer Stress) in den Zellen verändert die Ablesefähigkeit proteincodierter Gen-Abschnitte. Dies führt zur Dysbiose (Gleichgewichtsstörung der Darmflora) und Metaflammation (Stoffwechselentzündung) und schließlich zu einer natürlichen Entwicklung z.B. einer Parodontitis, da die Krankheitsanfälligkeit allgemein im Alter erhöht ist.

Sicher ist, dass die individuelle Immunreaktion mit die größte Rolle spielt. Außerdem kommt der Ernährung eine tragende Rolle zu, vor allem der weiter steigende Zuckerkonsum. Dieser steigert durch Verminderung der Speichel-Fließfähigkeit und Erhöhung des Glukosegehalts der Mundflüssigkeit, die Plaquebildung. Dr. Sanderink zeigte hier das einprägsame Bild eines fabrikneuen Skalpells, welches nicht in der Lage war, eine Zucker-Speichelblase einzuschneiden.

Schwierig zu handhaben sind zudem posttherapeutisch persistierende Parodontalpathogene in Dentintubuli, auf Zunge und in Speichel - auch nach totaler Extraktion. Diese sind durch zunehmend fehlgesteuerte Immunreaktionen (verlorene „alte“ Infektionen, verminderte kommensale Erreger und die der natürlichen Umgebung, neue „Crowd“-Erreger) weniger erfolgreich zu eliminieren. Außerdem kommt es zur Alterung durch einen persistierenden niedrigen Entzündungsstatus (Inflammaging), dessen Leitsymptom ein multimodal gesteuerter entzündlicher Plasmastatus ist. Einfach formuliert: Die erfolgreichste Therapie besteht aus einer Entprägung der oralen Mikroflora durch FMD und Sc/Rp und einer auf diesem „Reset“ neu entstandenen Eubiotisierung mit Probiotika.

Nach einer stärkenden Pause mit Produktinformationen war das Thema von Dr. med. dent. Yvonne Jockel-Schneider die häufigsten Todesursachen der koronaren Herzkrankheit, der zerebro-vaskulären Erkrankung und der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit. „Parodontale Entzündungen und deren Verbindungen und Auswirkungen auf kardiovaskuläre Erkrankungen“ sind zwar eher moderat assoziiert, aber bei jedem Patienten ein mögliches Risiko, denn eine Bakteriämie ist in einer korrekten und gründlichen Dentalhygienebehandlung unvermeidbar.

Da Parodontitis-Patienten eine signifikant höhere Pulswellengeschwindigkeit aufweisen, ist die bereits 1863 eingeführte Pulswellenmessung mittels Handgelenksmanschette – adäquat der Blutdruckmessung – ein unkomplizierteres und damit schnelleres Messverfahren als die Bestimmung der etablierten Parameter von „Intima media-Dicke“ oder „flow related Dilatation“ etc. und misst auch den peripheren und zentralen Blutdruck.

Eine Erhöhung von 10m/s entspricht einem massiv höheren Gefäßalter (sicherer Prädiktor für Tod) von ca. 20 - 25 Jahren. Diese Erhöhung kann durch eine Parodontal-Therapie (je nach Indikation mit und/oder ohne Winckelhoff) um 0,5m/s vermindert werden. Dadurch sind wir eine echte Konkurrenz zur Pharmalobby, die medikamentös nur eine leichte Verbesserung von 0,7m/s Senkung erzielt.

PD Dr. med. dent. Gregor Petersilka schied Mythen von Fakten mit „Vom Hype über die Hybris in die Hölle: Was das Pulverstrahlen bieten kann“. Natriumbicarbonat mit einer Korngröße von >200µm zur Kavitätenpräparation entwickelte sich über Glycin <60µm (auch mit Calciumcarbonat oder Tricalciumphosphat) zu Erythritol 14µm (inzwischen ohne Chlorhexidin zur Haltbarkeit und <1% Siliciumoxid zur Rieselfähigkeit mit Staublungen-Gefahr). Die Abrasivität ist abhängig von Härte/Größe/Oberflächenbeschaffenheit des Pulvermaterials, Wassermenge/Abstand/Winkel der Düse zum Zahn (je höher desto effizienter) und vom Gerät selbst. Eine Schädigung des Saumepithels ist durch Glycin als körpereigene Aminosäure nicht zu befürchten; Erythritol sei laut Hersteller-Konkurrenten noch ungesichert.

Zusätzlich soll eine Abrundung von z.B. Natriumbicarbonat oder Tricalciumphosphat-Kristallen durch Verstopfen der Tubuli gegen Hypersensibilität wirken. Jedoch sind solche Pulver – genau wie Calcium-Natrium-Phosphosilicat oder Aluminium-Mischungen – viel zu abrasiv. Weitere Nachteile sind hohe Kosten, Empyhsemgefahr und Schädigungen durch z.B. defekte Rückschlagventile.

Interessant war folgende These des Redners: Eine Plaqueentfernung VOR der PZR mit Zahnbürste, Zahnseide und Interdentalbürstchen vermindere die Behandlungszeit um ein Drittel. Ebenfalls äußerst wichtig zu wissen: Biofilm kann die Implantatoberfläche derart verändern, dass körpereigene Zellen anders reagieren (z.B. erschwerte oder keine Anheftung der Epithelzellen).

Nach diesem sehr informationsdichten Vormittag war Zeit für Besuche bei den Ausstellern und ein wie im letzten Jahr besonders köstliches biologisches Mittagsbuffet.

Dr. med. Klaus Hartmann (ehemals tätig im Paul-Ehrlich-Institut, registrierter Experte für Arzneimittelsicherheit und Gutachter für Impfschadensverfahren mit eigener Praxis) führte in die Thematik „Wie sicher sind Impfstoffe wirklich?“ ein, deren Entwicklung durch Paul Ehrlich und Gaston Ramon ihren Anfang fanden.

Als erstes ist zu betonen, dass der Nutzen von sogenannten „ehrlichen“ Grippeimpfungen (d.h. ohne Adjuvantien = Impfverstärker wie z.B. Aluminiumhydroxid) nur für ältere Menschen in sozialen Einrichtungen gegeben ist. Durch die Zugabe von Adjuvantien kann bei Menschen mit einer Disposition für Autoimmunreaktionen das ASIA (autoimmune/inflammatory syndrome induced by adjuvants) in Form von Multipler Sklerose oder Rheumatoider Arthritis verursacht werden. Bis auf wenige Ausnahmen ist dies lebenslang unheilbar! Besser ist es daher meist, eine echte Erkrankung durchzumachen als durch Impfstoffe eine künstlich herbeigeführte, denn die Auswirkungen sind noch nicht ansatzweise erforscht. Und auch „wissenschaftlich gesicherte“ Studiendaten sind kritisch zu prüfen: So gibt es Vergleiche von Impfstoff gegenüber „Placebo“ (welches zwar ohne Impfstoff war, allerdings mit Adjuvans!). Pharmahersteller sichern sich damit gegen etwaige Klagen ab und der Staat muss bei Schaden haften.

Die Frage nach seinen persönlichen Empfehlungen beantwortete Dr. Hartmann wie folgt: Ehrliche Impfungen nur gegen Grippe bei über 65 Jahren in Heimen. Mit Adjuvans nur gegen Hepatitis (A)B – ist der Titer einmal hoch, braucht es lebenslang keine Auffrischung mehr! Lebendimpfungen (gegen Masern, Mumps, Röteln) sind ungefährlich.

Erfreulichere Entwicklungen stellte Prof. Dr. med. dent. Ulrich Schlagenhauf mit „Der Bachelor-Studiengang Dentalhygiene als integraler Bestandteil der universitären zahnmedizinischen Ausbildung“ in Aussicht. Praktisch in „seinem Wohnzimmer“ gab er Einblick in die medizinische Versorgung Deutschlands. Mit 50.000 Zahnärzten bei 350.000 Ärzten scheint die Mundgesundheit eine gute Versorgung zu erhalten – jedoch liegt der Anteil der GKV-Ausgaben im Bereich der Zahnmedizin (13,028 Mrd. €) für die Parodontologie bei nur 3,2% bei viel höherer Prävalenz!

Grund dafür ist unter anderem die 60 Jahre veraltete Ausbildungsordnung von 1955, der Lehranteil von Parodontologie bei höchstens 7,5% in der Universität Würzburg, welche zudem als einzige eine eigene Parodontologie-Abteilung in Bayern vorweisen kann!

Auf der Hand liegt somit der gewaltige Bedarf an Fachkräften für die UPT (Unterstützende Parodontal Therapie). Bisher waren alle Herangehensweisen der Bedarfsdeckung durch fehlende Praxis in den momentan angebotenen Lehrgängen eher Versuche. Mit 400 praktischen Stunden, wovon 170 in eigener Praxis zu absolvieren waren, war der Lernerfolg deutlich von der parodontologischen Kompetenz der Beschäftigungspraxis beeinflusst und von deren verfügbarem Spektrum komplexer Fälle. Umso hocherfreulicher ist, dass endlich ein 3-jähriges, 180 ECTS Punkte umfassendes Studium mit 1.500-1.800 Stunden/Jahr inklusive Selbststudium/Lehrzeit mit der Zulassungsvoraussetzung Abitur oder erfolgreichem Berufsabschluss (z.B. ZMP/ZMF/DH) mit der Uni Würzburg lanciert wird! Zwei mögliche Wege stehen noch zur Diskussion: Entweder der Studiengang Dentalhygiene an der Universität Würzburg oder eine Privatuniversität mit Anbindung und Nutzung des Lehrangebots der Universität Würzburg. Professor Schlagenhauf verzichtet erneut zugunsten des DDHVs auf sein Referentenhonorar, wofür wir ihm sehr dankbar sind.

Im direkten Anschluss gab es für die DDHV-Mitglieder die Gelegenheit, der Jahresversammlung beizuwohnen, wobei wir hier im nächsten Jahr ALLE Mitglieder gerne wiedersehen würden. Wir versprechen eine zügige Sitzung, setzen aber voraus, dass der Jahresbericht und die Journale auch genau gelesen werden. Dies reduziert die Sitzungszeit gewaltig.

Der nächste Kongress wird am 21.1.2017 wieder im schönen Würzburg stattfinden – ich freu mich drauf!

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